Sindelfinger/Böblinger Zeitung: 12.03.2010, von Anja Kienle
Klimakatastrophe jetzt verhindern
Der Londoner „Guardian” hält ihn für einen der wenigen Menschen, der eine internationale Klimakatastrophe noch verhindern könne. Grund genug für die beiden Goldberg-Gymnasiasten Felix Günther und Franziska Rau, den Träger des alternativen Nobelpreises und Abgeordneten im Bundestag Hermann Scheer zum Thema „Sonne statt Atom?” zu befragen.
Der Wechsel von Atomkraft zu erneuerbaren Energien, dafür kämpft Hermann Scheer schon lange. 1988 war er Mitbegründer der gemeinnützigen Vereinigung „Eurosolar”, deren Präsident er heute ist. Die Kürzung der Förderung von Fotovoltaikanlagen hält der Bundestagsabgeordnete für einen Fehler der Bundesregierung. „Die Einspeisevergütung, die Kleinkunden beim Betreiben einer Fotovoltaikanlage zwanzig Jahre lang erhalten, soll bis zum nächsten Januar um 36 Prozent sinken. Für Neukunden lohnt sich eine Anschaffung bei dieser geringen Vergütung nicht mehr, was den Zusammenbruch der Fotovoltaikhersteller bedeuten kann.”
Keine guten Voraussetzungen
Als Alternative zur Atomenergie soll die Windkraftnutzung ausgebaut werden. Problem in Deutschland ist hierbei, dass die Landesregierungen die Genehmigungen für Windkraftanlagen ausstellen muss. „In Baden-Württemberg sind wegen des Landschaftsbildes 99,8 Prozent von der Bebauung mit Windkraftanlagen ausgeschlossen”, sagt Hermann Scheer. Das seien keine guten Voraussetzungen für einen vollständigen Atomausstieg.
Auf die Frage, ob Atomenergie nicht doch sinnvoll sei, antwortete der Träger des alternativen Nobelpreises: „Die Halbwertszeit von Atommüll beträgt einhunderttausend Jahre. Eine sichere Lagerung über solange Zeit ist schlicht unmöglich.”
Die Ergebnisse des Weltklimagipfels in Kopenhagen Ende vergangenen Jahres fasste Hermann Scheer knapp zusammen: „Es gibt keine. Durch den Handel mit Emissionsrechten können viele Länder sich die Erlaubnis für mehr Schadstoffausstoß von anderen Nationen erkaufen.” Das Ergebnis des Gipfels sei ein Minimalkompromiss, der dem Klima kaum weiterhelfen kann.
Dezentrale Lösungen statt Monopole
„Die Zukunft der Energieversorgung darf man nicht in den Händen der großen Strom- und Energieanbieter lassen, die ihre Monopolstellung halten wollen”, forderte der Bundestagsabgeordnete. Eine Dezentralisierung, also Verteilung auf viele kleine Konzerne und Anlagen, könne den Ausbau von erneuerbaren Energien verbessern. Einen Ausblick in die Zukunft konnte Hermann Scheer nicht geben, aber „wenn alle an einem Strang ziehen, könnten wir in zehn bis fünfzehn Jahren vollständig von den fossilen Energieträgern abgelöst sein.”
|