Anja Tröster, Stuttgarter Zeitung vom 17.11.2010
Eine Politik gegen den Willen der Mehrheit
Sindelfingen Die Schüler haben am Goldberg-Gymnasium vor vollem Haus eine Runde zur Atompolitik moderiert.
Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, hält den neuen Kurs der Regierungskoalition für völlig verkehrt. "Wir haben schon Tage gehabt, an denen wir das Netz allein mit erneuerbarer Energie hätten versorgen können", sagte sie. Aber weil Atomkraftwerke nie ganz abgeschaltet werden könnten, würden sie die grüne Energie verdrängen. "Windräder stehen oft still, weil zu viel Wind ist - nicht zu wenig", betonte sie.
Führt die Entscheidung der Bundesregierung, die Laufzeiten der Kernkraftwerke zu verlängern, in eine Sackgasse? Oder ist es womöglich richtig, eine pragmatische Brücke in eine Zukunft ohne Atomstrom zu bauen? Mit ihren Fragen haben die Sindelfinger Schüler-Moderatoren Melanie Renz und Johannes Klug ihre Gäste am Montagabend im Goldberg-Gymnasium richtig in Fahrt gebracht.
Hans-Josef Zimmer, der Technikgeneralbevollmächtigte beim Energieversorger und Atomkraftwerkbetreiber EnBW, will aber zumindest vorläufig auf Kernkraftwerke nicht verzichten. Zum einen, weil sie Strom produzieren, ohne dass gleichzeitig CO2 in die Atmosphäre abgegeben wird. Und zum anderen, weil sie seiner Ansicht nach effizient und vor allem flexibel sind. Laut einer Studie der Technischen Hochschule Aachen zum Netz, sagte er, ergänzten die Kernkraftwerke im Süden die Windkraftwerke im Norden ideal. "In der Welt einer Stromversorgung mit hundert Prozent erneuerbarer Energien sind wir noch nicht angekommen", warnte er.
Einig waren sich die beiden Kontrahenten zumindest in einem Punkt: Dringend nötig wäre zunächst, sowohl das Netz als auch die Speicher auszubauen. Denn es fehle vor allem an der Kapazität, Strom langfristig zu speichern, sagte Zimmer. Bislang würden die Unternehmen beim Versuch, das Netz auszubauen, aber stets auf Widerstand in der Bevölkerung stoßen.
Die Stadtwerke Schwäbisch Hall wollen nun wohl auf europäischer Ebene gegen das neue Gesetz klagen. Den Schülermoderatoren zufolge macht deren Geschäftsführer eine Wettbewerbsverzerrung geltend. Kotting-Uhl räumte dieser Argumentation Chancen ein: "Es widerspricht der Marktwirtschaft, dass man die Macht von wenigen zementiert, anstatt viele zu fördern."
"Darf man eine Politik gegen die Mehrheit betreiben?", fragte der Moderator Johannes Klug den EnBW-Manager kokett. Denn laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr hatten sich damals 35 Prozent der Deutschen gegen ein Gesetz wie das von der Regierung kürzlich beschlossene ausgesprochen, deutlich weniger waren dafür. "Die Parteien haben klar gesagt, was sie machen, wenn sie gewählt werden", erwiderte Zimmer. "Die Regierungskoalition ist nicht deshalb gewählt worden, sondern wegen des Versprechens, Steuern zu senken", konterte Kotting-Uhl.
Die Abgeordnete riet Zimmer, sich für ein zweites Zwiegespräch zu rüsten: "Denn Sie wissen, wer von 2013 regieren wird", erklärte sie selbstbewusst. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagte Zimmer lächelnd.
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