Kreiszeitung: 9.2.2012, Sandra Funk
Streitbar und trotzdem gut für leise Töne
Als Fußballer hat er alles erreicht, als
Manager sowieso, jetzt möchte Uli Hoeneß
als Präsident des Bayern München den Weg
für die jüngere Generation ebnen. Hitzige
Diskussionen führt der 60-Jährige noch
immer, bei der letzten Auflage von
„Goldberg Aktuell” gestern gab sich der
gebürtige Ulmer jedoch ganz handzahm.
SINDELFINGEN. Wer Uli Hoeneß während
der Mitgliederversammlung des FC Bayern
München vor fünf Jahren bei seiner Verbal-
attacke auf die eigenen Fans gesehen hat,
war vielleicht ein wenig enttäuscht von dem
sonst oft so aufbrausenden Mann, der mit
rund 20-minütiger Verspätung fröhlich wip-
penden Schrittes die Aula des Goldberg-
gymnasiums betrat. War es einfach gute
Laune oder doch die Nervosität vor dem
wichtigen Pokalspiel gegen den VfB Stutt-
gart? Wer weiß, doch dafür kamen gestern
umso mehr die leisen Töne zum Vorschein.
Dass das Pokalspiel für die Bayern einen
riesigen Stellenwert hatte, wusste Inter-
viewer Michael Kuckenburg ganz gut aus
Hoeneß herauszukitzeln. „Sportlich läuft es
ja gerade nicht so gut”, fing der Lehrer
unter heiterem Gelächter aus dem Publikum
an. „Vor zwei Monaten wart ihr noch mit
sechs Punkten Vorsprung Tabellenführer,
jetzt seid ihr zwei Punkte hintendran.” Hoe-
neß war gar nicht zum Lachen zumute. „Wir
sind im Moment nicht zufrieden, deshalb
hoffe ich, dass so ein Pokalspiel oder auch
das Champions League-Spiel gegen Basel in
zwei Wochen die Wende bringen kann.”
Apropos internationales Geschäft: Als Mi-
chael Kuckenburg nach dem Preis-Lei-
stungs-Verhältnis der Mannschaft fragte,
der Wert des Bayern-Kaders liege bei 335
Millionen, der des Dortmunders bei 170,
kam doch ein wenig Fahrt in den gebürtigen
Ulmer: „Jetzt malen wir mal den Teufel
nicht an die Wand. Wenn wir so sang- und
klanglos aus der Champions League ausge-
schieden wären wie Dortmund, wäre aber
was los gewesen in München.”
Ganz bestimmt, haben doch die Bayern
auch schon schlechte Erfahrungen mit ihren
Fans gemacht, zuletzt hing ein Transparent
mit der Aufschrift „Hoeneß Du Lügner” im
Stadion. „Das hat mich sehr getroffen”,
meinte der 60-Jährige zur Aktion der
„Hardcore-Fans”, die sich darüber aufreg-
ten, dass der FC dem Stadtrivalen 1860
immer wieder hilft. „Wenn einer am Boden
liegt, trete ich nicht auch noch drauf”, er-
klärte Hoeneß. Ohnehin wies Kuckenburg
immer wieder auf die soziale Ader des Club-
Präsidenten hin, der mit dem FC in den ver-
gangenen Jahren etlichen, finanziell in
Schieflage geratenen Vereinen geholfen hat.
Einiges habe er von den Eltern mitbekom-
men, die als Handwerker alles dafür getan
haben, dass beide Söhne studieren konnten.
„Ich habe viel mit Ellenbogen gearbeitet,
aber irgendwann auch gelernt, dass man als
Starker auch helfen kann und sein Kapital
für die Kleinen einsetzen sollte”, erklärte
Hoeneß unter lautem Applaus. So geschehen
auch 1982 nach dem tragischen Busunglück
im Pfäffikon, als 39 Mitglieder des TSV
Schönaich ums Leben kamen. „Da haben
wir schnell und unbürokratisch geholfen.”
„Für die Politik bin ich
viel zu ungeduldig”
Doch soziale Ader hin oder her, „der FC
Bayern ist der beliebteste, und der unbelieb-
teste Verein”, warf Kuckenburg in die Run-
de, während beispielsweise der FC Barce-
lone ein tolleres Image habe. „Die haben
sich das hart erarbeitet, die sind super. Nur
haben die 400 Millionen Euro Schulden und
der FC Bayern München hat 150 Millionen
auf dem Festgeldkonto”, rechnete Hoeneß
vor. Dass er eigentlich ein waschechter
Schwabe ist und das Geld zusammenhält,
kann und will er gar nicht verleugnen. Auch,
dass er keine graue Maus sein will. „Ich
polarisiere bewusst. Wir erziehen unsere
Spieler dazu, Ecken und Kanten zu haben.”
Dass er die auch selbst hat, beweist er oft
genug. „Viele Leute im Umfeld der Fifa sind
korrupt und nehmen Geld für ihre Stimme.
So lange ich lebe, werde ich den Finger in
diese Wunde legen”, versprach der 60-Jäh-
rige. Ob denn der Franz Beckenbauer von
den Sitzungen des Exekutivkomitees nicht
so einiges erzählt habe, fragte Michael
Kuckenburg. „Nein, darüber hat er nicht so
viel gesprochen, die waren nicht so inhalts-
reich”, meinte Hoeneß süffisant. „DFB-Prä-
sident Theo Zwanziger wird da wohl auch
überstimmt und passt sich an”, so Hoeneß.
Doch nicht nur über Fußball wurde ge-
plaudert bei der letzten Ausgabe von „Gold-
berg Aktuell”. „Könntest Du Dir nicht vor-
stellen, in die Politik zu gehen?”, fragte Mi-
chael Kuckenburg, der in der Jugend einst
mit Uli Hoeneß in Ulm gemeinsam gegen
den Ball getreten hat. „Dafür bin ich viel zu
ungeduldig. Dafür sage ich der Bundeskanz-
lerin immer wenn ich sie sehe meine Mei-
nung. Sie ist im Übrigen mit Schäuble und
Obama die einzige, die begriffen hat, dass
Spekulationen auf Nahrungsmittel gestoppt
werden müssen. Ich bin für die Trans-
aktionssteuer”, hält Hoeneß mit seiner Mei-
nung nicht hinter dem Berg. Dafür ist er be-
kannt, dafür lieben ihn seine Fans, und auch
die proppenvolle Aula des Goldberggymna-
siums war von dem 60-Jährigen begeistert.
Ob sein Tipp auf einen 3:1-Sieg der Bayern
im Pokalspiel richtig sein würde, konnte er
da noch nicht wissen, ein wenig neidisch
war er dennoch auf den VfB: „Die verdienen
jedenfalls heute Abend 1,5 Millionen Euro.”
|