Jürgen Wegner, Sindelfinger Zeitung vom 13.01.2012
„Juchtenkäfer ist keine Grünen-Züchtung”
Während das Zeltlager im Schlossgarten eine Gnadenfrist bekommt, bereiten sich die Gegner von Stuttgart 21 auf die Proteste gegen den Abriss des Südflügels und die Baumfällarbeiten vor. Und das Eisenbahnbundesamt schlägt sich mit dem Juchtenkäfer herum. Die große Frage: Reichen die Artenschutzmaßnahmen aus?
Auch anderthalb Monate nach der Volksabstimmung ist das Thema nicht durch. Die voll besetzte Aula bei Goldberg aktuell im Sindelfinger Goldberg-Gymnasium ist nur ein Zeugnis dafür. Bahnbrechende Neuigkeiten gibt es aber nicht zu hören. Weder von Dr. Volker Kefer (Bild: Stampe/A), Technikvorstand der Deutschen Bahn, noch von Verkehrsminister Winfried Hermann. Und zum hitzigen Schlagabtausch, kommt es auch nicht. Dabei hatte der grüne Minister doch einst selbst im Park protestiert und demonstriert.
Auch dass der Fahrplan gewaltig wackelt, lockt weder die eine noch die andere Seite aus der Reserve. Dabei ist dies das einzig halbwegs Handfeste, was die Gäste mit auf den Heimweg bekommen. Eigentlich soll der Bahnhof 2019 in Betrieb gehen. Dr. Volker Kefer stellt dahinter ein dickes Fragezeichen. Proteste, Demos, Schlichtung, Volksentscheid, Landtagswahlen. „Das hat uns insgesamt ein Jahr gekostet”, sagt er.
Schuldzuweisungen für den Verzug? Andeutungsweise von Winfried Hermann, der das Thema von der verpassten frühzeitigen Öffentlichkeitsarbeit zurecht aufwärmt. Selbst dafür gibt es keinen Gegenwind: „Man hätte die öffentliche Diskussion früher führen und als Entscheidungsgrundlage nehmen müssen”, so Dr. Volker Kefer.
Klar hebt Winfried Hermann den Zeigefinger, wenn es darum geht, den 4,5-Milliarden-Deckel bei den Kosten im Auge zu behalten. Aber das will auch Dr. Volker Kefer. Und über den Filderbahnhof müsse auch noch mal intensiv gesprochen werden. Da ist noch reichlich Luft nach oben.
Je nach politischer Neigung gibt das Publikum artig Applaus bei bekannten Argumenten, die längst ausgetauscht sind. Keine leichte Aufgabe für die Schülerinnen Anne Fock und Simone Giereth, die Männer aus der Reserve zu locken. Da ist es fast am Spannendsten, wie sich Winfried Hermann verkauft. Im Grundsatz Projektgegner und gleichzeitig Verkehrsminister, der den Bau jetzt vorantreiben muss, das ist eine schwierige Situation: „Das hätte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können.”
Was tun in dieser Lage? Als Demokrat die politische Niederlage durch den Volksentscheid akzeptieren und darauf achten, dass „alles rechtlich sauber abläuft”. Also auch darauf, dass der Juchtenkäfer so viel Schutz bekommt, wie er eben braucht. „Übrigens ist der keine Grünen-Züchtung. Der war vorher schon da.”
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