Sindelfinger/Böblinger Zeitung: 25.02.2010, von Jürgen Wegner
"Hass und Angst im Heiligen Land"
Nie wieder. Dieses Bekenntnis ist tief verwurzelt in der deutsch-israelischen Vergangenheit und trägt doch so unterschiedliche Botschaften in sich: „Nie wieder darf so etwas in Deutschland passieren”, heißt es auf der einen Seite. Die andere sagt „nie wieder lassen wir es soweit kommen” und zeugt von großer Entschlossenheit im Staate Israel, der sich direkt vor der Haustür und sogar innerhalb der Landesgrenzen zahlreicher Bedrohungen ausgesetzt sieht.
Rudolf Dreßler weiß die Tragweite dieser Einstellung einzuschätzen. Von 2000 bis 2005 war er deutscher Botschafter in Israel, lebte im religiösen Schmelztigel von Judentum, Islam und Christentum, kennt die Angst vor der Bombe aus Teheran, spürte den Hass zwischen Palästinensern und Israelis und fühlte die Kälte an der riesigen Mauer in Jerusalem, die äcker, Gärten und Häuser zerschneidet und vor Terrorangriffen schützen soll.
In der Gesprächsreihe „Goldberg aktuell” am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium nimmt der 69-Jährige die Zuhörer mit auf die spannende Reise durch den seit der Gründung 1946 von sechs Angriffskriegen und zahllosen Terrorakten gebeutelten Staat, immer auf der Suche nach der von den beiden Zwölftklässlern und Moderatoren Jan Lebherz und Julia Schneider gestellten Frage „Wem gehört das Heilige Land?”
Die Antwort darauf gibt er zum Schluss. Kurz und knapp, scheinbar simpel und doch so aussichtslos: „Uns allen.” Der wichtige Zusatz: „Aber machen Sie das doch mal den Palästinensern und Israelis klar.” Denn die durch abgrundtiefen Hass geschürften Gräben scheinen unüberwindbar. Die gegenseitige „chronische Nichtanerkennung” wiegt allzu schwer für den „schmerzhaften Kompromiss, der von beiden Seiten nicht begangen werden will”.
Flickenteppich ohne Zukunft
Die Lösung des Konflikts sei nur unter zwei Bedingungen erreichbar: Zum einen müsse der palästinensische Terror aufhören, gleichzeitig Israel den Siedlungsbau stoppen und zurückfahren. Letzteres sei Grundvoraussetzung, denn nur ohne Landraub könne ein „lebensfähiger Staat Palästina entstehen. Die Menschen müssen sich nicht lieben, aber sie müssen sich respektieren.” Offensichtlich geht das nur neben- und nicht miteinander. Eines sei jedoch klar: „Dieser Flickenteppich ist nicht zukunftsfähig”, sagt Rudolf Dreßler.
Aber was ist mit Jerusalem und all seinen heiligen Stätten? Hier spitzt sich der Konflikt zu. Vor allem, „weil die neue Regierung jetzt auch Ost-Jerusalem für sich beansprucht.” Dennoch hält Rudolf Dreßler die Internationalisierung der Altstadt Jerusalems – ein durch den Vatikan ins Leben gerufener Gedanke, die Dreßler durch die Medien einst als Forderung in den Mund gelegt worden sei – für den einzigen Ausweg.
Die Aussichten sind düster. Im Publikum vertiefen sich die Sorgenfalten, als Angela Merkels schwerwiegende Zusage vor dem US-Kongress nochmals aufs Tableau kommt. „Wer Israel bedroht, bedroht auch uns”, hatte die Kanzlerin am 3. November vergangenen Jahres gesagt. ähnlich hatte es auch Rudolf Dreßler schon im Jahre 2003 in einem Aufsatz formuliert.
Der Nahe Osten, wo Menschen mit Maschinenpistolen zum Straßenbild gehören, die Bürger sich aber „die Lebensqualität nicht wegbomben lassen”, ist nicht weit weg. „Goldberg aktuell” hat daran erinnert.
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