Böblinger Kreiszeitung: 09.06.2010, von Jan Renz
Ein KZ-überlebender erzählt ohne Hass
"Goldberg Aktuell": Lisa Kreuels und Sophie Scheuble interviewen Mordechai Ciechanower
SINDELFINGEN. Seine Autobiografie trägt den Titel "Der Dachdecker von Auschwitz-Birkenau". Diese Tätigkeit hat ihm wohl das Leben gerettet, und so überstand er, was eigentlich nicht zu überstehen war: Auschwitz. In der Aula des Goldberg-Gymnasiums Sindelfingen (GGS) erzählte Mordechai Ciechanower aber nicht nur davon, sondern auch von den Jahren davor und danach. In einem Gespräch der Reihe "Goldberg Aktuell" wurde seine Biografie aufgerollt, die von der glücklichen Kindheit in einem polnischen Schtetl über den Leidensweg durch deutsche Vernichtungslager bis zum Engagement für den Aufbau Israels reicht.
Es ist nicht leicht, solch einem Zeitzeugen die richtigen Fragen zu stellen: Man möchte alles über sein Leben erfahren, weil sich darin die Unbegreiflichkeiten der Zeitgeschichte spiegeln, aber man möchte auch nicht Wunden aufreißen oder verletzen. Im Gespräch mit Mordechai Ciechanower fanden Lisa Kreuels und Sophie Scheuble den richtigen Ton. Und der 86-Jährige erzählte ausführlich, unterbrochen von jiddischen Liedern, die er sang.
1924 wurde Ciechanower im polnischen Makow-Mazowiecki geboren. Der Leidensweg begann, als in seiner Heimatstadt 1940 ein Getto errichtet wurde. Zum ersten Mal erfuhr er Hunger und Demütigungen. Am 18.November 1942 wurde er mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert. 80 Personen wurden in einen Waggon gepfercht, wo sie vier Tage ohne Wasser und Essen verbrachten. 20 Menschen starben allein in diesem Waggon. In Auschwitz wurden Ciechanowers Schwester und Mutter kurz nach der Ankunft ermordet. Ciechanower wusste, dass auch ihm das bevorstand. In Auschwitz lebte man bestenfalls sechs Monate. "Wir haben keine Chance gehabt", sagt er.
Er wurde von einem Menschen zu einer Nummer: Bis heute trägt er die 81434 auf seinem linken Unterarm eingebrannt. Ciechanower erzählte von der Verzweiflung, vom Wunsch, nicht weiter zu leben. Einmal befindet er sich schon auf dem Weg zu den Krematorien, rettet sich aber in letzter Sekunde: "Ich habe wenig Mut, aber noch etwas Kraft gehabt." Dass er zum Dachdeckerkommando kommt, ist sein Glück. Er erhält mehr Nahrung zugeteilt und wird, weil man ihn braucht, von den Selektionen verschont. Trotzdem ist er meist mutlos, ein Satz, den man in der Aula häufig hörte. Es folgt eine Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager. Befreit wurde er am 15.April 1945 in Bergen-Belsen von den Engländern. Da wog er gerade noch 30 Kilogramm.
Das alles erzählte Mordechai Ciechanower, weil ihm viele Fragen gestellt wurden. Lisa Kreuels und Sophie Scheuble hatten sich gründlich vorbereitet: "Es ist ein Thema, das uns interessiert und bewegt", sagten sie am Ende. Das war ihren Fragen anzumerken: Waren in den Vernichtungslagern Freundschaften möglich? Ja, sagte Ciechanower, ein Gefährte war für ihn wie ein Bruder. Wie findet man nach Jahren des Grauens wieder in die Normalität zurück? Wie wird man, nachdem man Jahre nur eine Nummer war, wieder zum Menschen?
"Wie konnten Sie wieder einem Menschen vertrauen?", fragten die Gesprächsleiterinnen mit Blick auf die Heirat im Jahr 1950. Was würde er Menschen sagen, die den Holocaust leugnen? Immer wieder forderten die Schülerinnen ihn auf zu erzählen. Und so erzählte Ciechanower anschaulich von den ihn prägenden Erlebnissen. Was er zu berichten hat, ist erschütternd, wie er es tut, ist erstaunlich: In der Aula erzählte er geduldig und bescheiden, ohne Bitterkeit, ohne Hass, ohne Vorwürfe an die Deutschen, die einen Großteil seiner Familie ermordet haben. Hier spricht kein Gebrochener, sondern ein überlebender, der sich der Vergangenheit und der Gegenwart verpflichtet fühlt.
Gerade diese bewundernswerte Haltung hob am Ende Michael Kuckenburg, Geschichtslehrer am GGS, hervor: Mordechai Ciechanower, der so viel Schreckliches erdulden musste, lasse keinen Hass erkennen. "Sie haben uns heute viel gegeben", sagte Kuckenburg. Die Schüler der neunten bis elften Klasse bedankten sich mit Applaus im Stehen.
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