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Böblinger Kreiszeitung: 6.05.2010 von Werner Held
Sind auch im Schulsystem aller guten Dinge drei? Der Seminarkurs "Goldberg aktuell" des Goldberg-Gymnasiums Sindelfingen ist dieser Frage nachgegangen. In einem Streitgespräch, geleitet von den Schülern Stefanie Schray und Oliver Weth, verteidigte Volker Schebesta, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, die Trennung der Schüler ab der fünften Klasse in Gymnasiasten, Realschüler und Hauptschüler (künftig auch Werkrealschüler). Rudolf Bosch, Leiter der Kuppelnau-Hauptschule in Ravensburg, stellt diese Selektion in Frage und fordert, Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen.
Rudolf Bosch ist als "oberschwäbischer Schulrebell" bekannt geworden. Er war Wortführer jener 107 Schulleiter aus seiner Region, die in einem offenen Brief an den damaligen Kultusminister Helmut Rau die Dreigliedrigkeit des Schulsystems in Baden-Württemberg in Frage stellten. "Die Hauptschule ist in der Hierarchie ganz unten eingeordnet", sagt er. Wer dort lande, erhalte das Signal: Zu mehr hat's nicht gereicht. "Diesen Schülern wird eine anregende Lernumgebung mit Spitzenleistungen und Zugpferden vorenthalten", klagt Bosch. Deshalb würden Eltern ihre Kinder schon in der Grundschule unter Leistungsdruck setzen, damit ihnen das Drama eines Hauptschulbesuchs erspart bleibe.
"Es ist falsch, den Eltern den Eindruck zu vermitteln, die Bildungskarriere ihrer Kinder sei in der Hauptschule zu Ende", hält der CDU-Bildungspolitiker Volker Schebesta dagegen. Er verweist auf die Durchlässigkeit Bildungssystems getreu dem Motto: "Kein Abschluss ohne Anschluss!" "50 Prozent der Hochschulzugangsberechtigungen werden nicht in allgemeinbildenden Gymnasien, sondern auf anderen Wegen erworben", meldet er stolz. Dreigliedrigkeit, gepaart mit Durchlässigkeit, preist Schebesta als eine Stärke des Schulsystems.
Um mehr Kinder zu höherwertigen Schulabschlüssen zu führen, habe das Land die Werkrealschulen eingeführt, sagt Volker Schebesta. "Sie blasen bei vielen Eltern den Eindruck weg, dass sie nur mit dem Fernglas einen mittleren Bildungsabschluss für ihre Kinder erahnen könnten." Werkrealschulen würden Schülern und Eltern eine neue Perspektive geben. Rudolf Bosch hält die Einführung der Werkrealschulen für eine Katastrophe. Er tut sie als "groß angelegtes Schulschließungsprogramm" ab, das einen "immensen Spaltpilz in Kollegien, Schulen und Kommunen" trage. Die Folge sei eine "Entschulung der ländlichen Räume". Bosch kritisiert, dass sich an der Hürde nach der neunten Klasse per Notendurchschnitt entscheide, wer zum zehnten Werkrealschuljahr zugelassen werde. Auch die Verzahnung von Werkreal- und Berufsschule hält er für einen Konstruktionsfehler, dem die bereits bestehenden Praxiszüge an den Hauptschulen geopfert würden. "Hauptschulen sind auch schon vor der Einführung der Werkrealschulen geschlossen worden",weist Volker Schebesta auf den Rückgang der Schülerzahl hin. "Warten wir ab, wie sich die 525 neuen Werkrealschulen im Land entwickeln!", rät er.
Als Ideal propagiert Rudolf Bosch eine "Schule der Vielfalt", in der Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam lernen. "Dass es dreigeteilte Begabungen gibt", kommt der Schulleiter auf den Ausgangspunkt des Streitgesprächs zurück, "ist wissenschaftlich nicht begründet." Die "ideale Schule" müsse eine Unterrichtsqualität und -kultur zulassen, "die den einzelnen Schüler wertschätzt und auf ihn eingeht". Sie müsse wohnortnah sein. "Die ganze Gemeinde muss an ihr teilnehmen." Statt Faktenwissen, das nach Prüfungen meist vergessen werde, fordert er Menschenbildung, die Vermittlung sozialer Kompetenzen und die Vorbereitung darauf, dass mit dem Schulbesuch das Lernen in der heutigen Gesellschaft nicht zu Ende sei. Was Bosch zur Weiterentwicklung des Schulunterrichts fordert, "ist keine Frage des Schulsystems", entgegnet CDU-Politiker Schebesta. Das sei eine Frage der Unterrichtsentwicklung und Evaluation, der Lehrerbildung und der Bildungspläne. "Ich finde ja nicht, dass es in unseren Schulen gar nichts zu tun gäbe", sagt Schebesta und fügt Sprach- und Leseförderung für Kinder aus Migranten- und bildungsfernen Familien hinzu.
"Wenn wir über Schulpolitik reden", wünscht sich Volker Schebesta, "sollte das so sein, dass es der Akzeptanz von Schule und einzelner Schularten keinen Abbruch tut." Auch wenn er ganz anderer Ansicht als sein Gesprächspartner ist, hat Rudolf Bosch am Ende noch ein Lob für Volker Schebesta parat: "Sie sind der erste CDU-Politiker, der sich in den letzten drei Jahren nicht geweigert hat, mit mir auf einer Bühne zu stehen."
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